Wir trauern um die Stuttgarter Antifaschistin Gretel Weber

12. April 2018

 Gretel Weber  12.7.1919 – 23.3.2018

Gretel Weber 1955, privat und VVN-Archiv

Gretel Weber wuchs in einer antifaschistischen Pflegefamilie in Botnang, einem kleinen Ort bei Stuttgart, auf. Durch die Familie kam sie sehr jung schon in Kontakt mit dem Kommunismus. Als Mädchen half sie bei Hausdurchsuchungen der Politischen Polizei Schriften der illegalen KPD aus dem Haus zu schmuggeln und zu verstecken. Ihr Stiefbruder Walter Häbich, Funktionär des Kommunistischen Jugendverbands Württemberg, wurde 1934 von den Nazis im KZ Dachau ermordet. Seine Beisetzung in Botnang wurde zu einer der größten antifaschistischen Demonstrationen während der Nazizeit in Stuttgart.

Nach der Befreiung vom Faschismus heiratete Gretel den Stuttgarter Widerstandskämpfer Karl Weber und wurde Mitglied der KPD. Ihr Engagement zeigte sich auch darin, dass sie die erste deutsche Delegierte beim Internationalen Frauentag in Paris wurde.
Ihr Mann ging nach dem Verbot der KPD 1956 in die Illegalität um die Parteiarbeit fortzuführen. Eine Erfahrung, die er bereits während des Faschismus gemacht hatte. Gretel blieb ihrem Mann und der KPD treu, organisierte heimliche Treffen und kassierte Beiträge ab. Während der ganzen Zeit der illegalen Arbeit für die KPD wurde Gretel Weber, wie viele andere auch, überwacht. Um ihren Mann nicht in Gefahr zu bringen verhielt sie sich nach außen hin unpolitisch. Gretel war mit ihren beiden Kindern in dieser Zeit völlig auf sich alleine gestellt.
Im Frühjahr 1966 versuchte der Staatsschutz mit der „Aktion Schneehase“ die Strukturen der illegalen KPD auszuheben und verstärkte deren Überwachung. In diesem Zusammenhang war Karl Weber vom 23. März bis zum 2. August in Untersuchungshaft auf dem Hohen Asperg. Für Gretel war es selbstverständlich ihren Mann dort zu besuchen, wie schon in den zwanziger Jahren ihren Stiefbruder Walter Häbich.
Mit der Gründung der DKP 1968 sah Gretel eine Möglichkeit wieder legal für ihre kommunistische Überzeugung einzustehen.
Nach der Öffnung der VVN für Nichtverfolgte und die Erweiterung um den BdA (Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) wurde sie aktives Mitglied der Organisation. Über Jahrzehnte war sie im Kreisvorstand der VVN-BdA aktiv; noch im hohen Alter leitete sie die Stuttgarter Seniorengruppe. Auch den Naturfreunden war sie über 5o Jahre verbunden.
Gretel Weber starb Ende März im Alter von fast 99 Jahren.

Am Gedenkstein für Lilo Herrmann an der Stuttgarter Universität, 1990. v.l.n.r. Maria Reif, Ilse Werner, [?], Gretel Weber, Rudolf Sperandio, Foto VVN-Archiv