Die „Spätzle-Connection“ des NSU

geschrieben von Janka Kluge

26. August 2013

, , , ,

In vielen Bundesländern, sind Untersuchungsausschüsse eingerichtet worden, um die Verstrickungen des neonazistischen Terrortrios NSU mit den Nazistrukturen in den Ländern zu untersuchen. Im Landtag von Baden-Württemberg gab es dafür keinerlei Bestrebungen. Erst nachdem bei den Untersuchungen in den anderen Ländern immer wieder Kontakte nach Baden-Württemberg angesprochen wurden hat das Innenministerium  eine Ermittlungsgruppe beim Landeskriminalamt eingerichtet. Sie ermitteln und wollen finden, was durch antifaschistische Recherche längst bekannt ist.

Es sind bereits heute vielfältige Kontakte des Trios nach Baden-Württemberg bekannt.

Ludwigsburg

Bei der Durchsuchung einer Garage, die von Beate Zschäpe in Jena angemietet worden war fand die Thüringer Polizei Vorrichtungen zum Bau von Rohrbomben und TNT, dass wahrscheinlich in den Jahren davor in Bundeswehrkasernen gestohlen worden war. Weniger Aufmerksamkeit schenkten die Ermittler diversen Flugblättern und neonazistischen Schriften und einer Telefonliste, die ebenfalls in der Garage deponiert waren. Diese Telefonliste  verschwand unausgewertet in den Reservatenkammern der Thüringer Polizei. Hätten die Beamten einen Blick auf die Telefonliste geworfen hätte ihnen auffallen können, dass die Nummern vieler wichtiger Neonazis dort vermerkt sind. Gleich mehrere der Kontakte führten nach Baden-Württemberg.

In den Trümmern des abgebrannten Hauses in Zwickau fand die Polizei einen Stadtplan von Ludwigsburg und Fotos aus Ludwigsburg. Sie zeigen Uwe Mundlos mit Ludwigsburger Kameraden bei einem Fest im Partykeller von Michael Ellinger. Der im März 2003 verstorbene Michael Ellinger gilt als ein Urgestein der Ludwigsburger Naziszene. Er war bereits mit 16 Jahren an der Gründung der Band „Kettenhunde“ beteiligt.  Ellinger wurde aber bereits nach kurzer Zeit wegen seiner bereits damals massiv vorhandenen Alkoholprobleme aus der Band geworfen. Neben dem Aufbau von Nazistrukturen widmete er sich auch den Fußballspielen der Spielvereinigung  Ludwigsburg 07. Der „Rechte Rand“ schreibt am 15.4.2013 in einem Artikel über die Beziehungen zwischen dem NSU und Ludwigsburg: „Der Rechtsextremist Michael Ellinger trat auf lokaler Ebene auch als `aktiver Fan´ der Fußballmannschaft SpVgg Ludwigsburg 07 in Erscheinung. Bis zum 30. Januar diesen Jahres war auf der Homepage des Fanclubs `Brigade schwarz-gelb´ des seinem Exzessiven Lebensstil zum Opfer gefallenenEllinger gedacht worden. Die Hintergrundmusik stammte von der rechten Kult-Band `Skrewdriver´, deren  Sänger und Gitarrist Ian Stuart Donaldson auch Gründer von `Blood & Honour´ war.“

Außerdem hat sich Beate Zschäpe vor dem Ludwigsburger Schloss fotografieren lassen.

Uwe Mundlos schwärmte in Briefen von seinen Besuchen in Ludwigsburg.  An einen Gesinnungsgenossen im Gefängnis schrieb er, dass es  toll sei, wie viele Waffen  „die Spätzles“ aus Ludwigsburg gesammelt haben.

Die Kontakte nach Ludwigsburg sollen nach Recherchen der TAZ bereits seit Anfang der neunziger Jahre bestanden haben. Damals lebte der Nazimusiker Michel E. in der Stadt. Sie hatten sich wahrscheinlich bei Konzerten der militanten Musikorganisation „Blood & Honour“ in Sachsen kennengelernt.

Zu den Kontakten nach Ludwigsburg gehörte auch Thomas Starke. Er war zwischen 1994 und 1996 wegen einer Schlägerei inhaftiert, bei der auch Uwe Mundlos beteiligt gewesen sein soll. Während der Haft wurde er von Beate Zschäpe, die sich damals in der „Hilfsgemeinschaft nationaler Gefangener“ betätigte, betreut.  Er bekam auch immer wieder Briefe von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in das Gefängnis. In diesen Briefen schwärmten sie von ihren Kontakten zur Naziszene nach Ludwigsburg.  In einem dieser Brief ging es, wie die TAZ  aus dem Umfeld des Untersuchungsausschusses im Bundestag erfahren hat, auch um einen Waffenhändler in Ludwigsburg, der die Gruppe mit Waffen versorgt hat.

Nach Informationen des Antifaschistischen Infoblatts  war es auch Thomas Starke, der dem Trio das TNT besorgt hat, dass später bei der Durchsuchung der Garage gefunden wurde.

Er war Anfang des Jahrtausends von Sachsen nach Ludwigsburg gezogen. Von hier aus hat er Nazikonzerte in ganz Süddeutschland organisiert. nach Angaben der Badischen Zeitung hat er das Trio nach ihrem Untertauchen mit Geld versorgt.

Thomas Starke. war spätestens seit 2000 Informant des Berliner Verfassungsschutzes.

In derselben Zeit, als Thomas Starke. nach Ludwigsburg gekommen war zogen noch  weitere Nazis aus dem direkten Thüringer Umfeld in die Stadt.  Markus Friedel war einer von ihnen.  Er gehörte in Jena zum direkten Umfeld von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Auf Fotos ist er zusammen mit Beate Zschäpe bei einer Kreuzverbrennung  nach der Art des Ku-Klux-Klans zu sehen. Später soll er dann von Ludwigsburg in den Kreis Heilbronn gezogen sein.

Ein anderer, der sich in Ludwigsburg niedergelassen hat ist Andreas Graupner. Er gehörte zu den Gründern der sächsischen Blood & Honour Sektion.   Nach Recherchen des Antifaschisten Infoblatts war Graupner für die Leerung der Postfächer von Blood & Honour verantwortlich.  Er spielte bei der Band „Auf eigene Gefahr“ (AEG) mit. Als er in den Kreis Ludwigsburg zog, wohnte er zuerst bei Oliver Hilburger. Der war Musiker bei der neonazistischen Kultband „Noie Werte“.  Als sie noch einen Musiker suchte sprang Andreas Graupner ein und spielte bis zu ihrer Auflösung 2010 bei der Band. Die erste DVD des Trios war mit zwei Liedern von „Noie Werte“ unterlegt.

Im Februar  2012 wurden bei Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern auch die Wohnung von Andreas Graupner durchsucht.  Die Staatsanwaltschaft  ermittelt wegen  Unterstützung  bei den zehn Morden des NSU.

Er taucht seit Jahren immer wieder in der Liste der mutmaßlichen Unterstützer des Trios auf. So soll er der Kontaktmann zwischen den Untergetauchten und Ralf Wohlleben gewesen sein, der als einer der Mitangeklagten vor dem Münchner Gericht steht.

Nach Besigheim, bei Ludwigsburg, hat es Jan Werner,  den ehemaligen Organisationsleiter von Blood & Honour Sachsen, gezogen.  Er soll im engen Kontakt mit Uwe Mundlos gestanden haben und 1998 versucht haben eine Waffe für das Trio zu besorgen. Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen den NSU wurde im Januar 2012 die Wohnung von Jan Werner von der Polizei durchsucht.

Bekannt ist auch, dass sich Beate Zschäpe 2003 bei einem Aufenthalt in Ludwigsburg mit einem Mann getroffen hat, dessen Identität bis heute noch nicht geklärt ist.

In Kreisen des Ermittlungsausschusses wird inzwischen von einer regelrechten „Ludwigsburg-Connection“ gesprochen.

Obwohl „Blood & Honour“ im Jahr 2000 in Deutschland verboten wurde existierten die Strukturen weiter. Der Großraum Stuttgart, mit Ludwigsburg und dem Rems-Murr Kreis war eine Hochburg der Nazimusiker.

Stuttgart

Im Mittelpunkt der neonazistischen  Musik in Baden-Württemberg standen die Musiker von „Noie Werte“. Besonders der Sänger Steffen Hammer war aktiv bei der Zusammenarbeit mit der von Ian Stuart Donaldson gegründeten Struktur Blood & Honour. Er holte die englische Band Skrewdriver immer wieder nach Deutschland. „Noie Werte“ trat oft mit ihnen gemeinsam auf. Blood & Honour war von Anfang mehr, als nur ein Zusammenschluss von Nazi-Musikern.  Aus ihr ist eine kleine Gruppe entstanden, Combat 18, deren einziges Ziel es war Terror und Mord gegen Migranten in England zu verüben. Hier entstand auch das Konzept des „führerlosen Widerstands“, dass von dem Trio aus Jena nach ihrem Abtauchen eins zu eins umgesetzt wurde. Zu diesem Konzept gehört es auch, dass  keine Bekennerschreiben für die Taten veröffentlicht werden. Zu dem Netz von Nazi-Musikern gehört auch Alexander Heinig. Er war Sänger der Band „Ultima Ratio“, das genauso wie „Noie Werte“ zu den Blood & Honour Strukturen in Baden-Württemberg gehörte. „Ultima Ratio“  gehören zu den ganz wenigen Bands, die bei  den wenigen Konzerten der vollkommen  im Untergrund arbeitenden Band „Landser“ mit auftreten durften.  „Landser“ bemühten sich, so wie später „Race War“  aus Schwäbisch Gmünd, erst gar nicht einen legalen Weg zu gehen. Bei Konzerten wurde ihr Name nicht angekündigt und  die Musiker traten nur vermummt auf. Die CDs wurden heimlich nach Deutschland geschafft und nur unter der Hand verkauft. Wegen ihrer extrem rassistischen Texte, die sie auf bekannte Melodien sangen und wegen ihrem Verhalten wurden sie zu absoluten Stars der Szene.  Trotz der ganzen Vorsichtsmaßnahmen kam ihnen die Polizei doch noch auf die Spur. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass auch zwei, der später nach Baden-Württemberg gezogenen Nazis dabei waren. Jan Werner war mit seinem CD-Label „Movement Records“ zumindest für die Produktion der dritten Landser CD „Ran an den Feind“ zuständig und Thomas Starke organisierte den illegalen Vertrieb.

Seit vielen Jahren betreiben Steffen Hammer und Alexander Heinig in Stuttgart eine gemeinsame Rechtsanwaltskanzlei. Sie übernehmen auch sehr oft die Verteidigung  von angeklagten Neonazis.  Sie haben beispielsweise die angeklagten Neonazis im Prozess wegen dem Brandanschlag  auf ein Gartenhaus in Winterbach vertreten. Neben ihnen war eine Verteidigerin Nicole Schneiders. Sie war einige Jahre ebenfalls Mitglied der Kanzlei von  Hammer und Heinig.  Nicole Schneiders, geb. Schäfer, stammt ursprünglich aus Öhringen bei Heilbronn.  Laut einem Artikel vom Stern verkehrte Nicole Schneider bereits in ihrer Zeit als Schülerin in Nazistrukturen aus Heilbronn.   Spätestens als sie 2000 zum Studium nach Jena zog war sie Mitglied der NPD und wurde stellvertretende Kreisvorsitzende der Partei. Vorsitzender war Ralf Wohlleben.

Aufgeführt in der Telefonliste war auch eine Uschi aus Stuttgart. Sie gab nach dem Auffliegen des Trios bei der Polizei an, damals nur losen Kontakt zur Nazi-Szene gehabt zu haben. Trotzdem  sagte sie aus, dass sie über Jahre Kontakt zu Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gehabt habt. Es habe Zeiten gegeben, so die Frau in der Vernehmung der Polizei, da haben sie sich jeden Monat getroffen.

In den Trümmern des letzten Wohnortes in Zwickau fanden die Ermittler einen Stadtplan von Stuttgart mit verschiedenen Einzeichnungen. Auf einer DVD mit der Bezeichnung Stuttgart finden sich zehn Fotos, die unter anderem Uwe Böhnhardt vor einem türkischen Laden im Stuttgarter Norden zeigen. Die Ermittler sind sich inzwischen sicher, dass die drei als sie sich im Jahr 2003 unter falschen Namen auf dem Stuttgarter Campingplatz eingemietet haben einen Anschlag in Stuttgart vorbereiteten.

Heilbronn

In Heilbronn verübte das neonazistische Trio den einzigen Mord, der nicht in das Opferschema der anderen Taten passt. Wurden sonst Männer mit migrantischen Hintergrund ermordet, handelt es sich hier um eine deutsche Polizistin.  Zeugen des Mordes  haben ausgesagt, dass mindestens vier Personen beteiligt gewesen waren.  Offiziell wird aber weder nach mehr Beteiligten gefahndet, noch werden die angefertigten Phantombilder veröffentlicht.  Außerdem wird ein Hinweis ignoriert, den nach den Recherchen von Report München, ein Patenonkel von Michel Kiesewetter bei seiner ersten Vernehmung acht Tage nach dem Mord gemacht hat. Er gab zu Protokoll, dass der Mord an seiner Nichte etwas mit den bundesweiten „Türkenmorden“ zu tun habe.

Auffallend ist außerdem, dass der Kompanieführer der Polizeieinheit  Michele Kiesewetters an dem Tag ihres Mordes einer der Polizisten war,  die beim rassistischen Ku-Klux-Klan mitgemacht haben und dadurch zumindest zeitweise Kontakt zum Umfeld des NSU hatten. Diese Sektion des Klans wurde von dem Nazi-Musiker Achim Schmidt gegründet. Er war nicht nur ein aktiver und überzeugter Nazi, sondern gleichzeitig einer der vielen V-Männer, die der baden-württembergische Verfassungsschutz in der Szene hatte. Als das LKA das Telefon von Achim Schmidt überwacht hat, bekam er einen Hinweis  darauf aus dem Amt für Verfassungsschutz.

Antifaschisten registrieren seit Jahren, dass sich im Umland von Heilbronn eine militante Neonaziszene gebildet. Einer von ihnen ist Markus Friedel, der 1994 aus Jena nach Heilbronn gezogen ist.

Jörg A, ein weiterer Nazi von Blood & Honour Sachsen ist 2000  in die Nähe von Heilbronn gezogen. Stephan Lange, der Divisionsleiter von Blood & Honour Deutschland zog mit seiner Lebensgefährtin nach Kirchheim.  Nach  Informationen des Antifaschistischen Informationsblatts, soll er nach dem Verbot von Blood & Honour eine Weiterführung skeptisch beurteilt haben, half aber mit seinen Kontakten  eine neue Struktur aufzubauen. Bereits ein Jahr nach dem Verbot wurde von Baden-Württemberg aus die Division 28 aktiv. Die Zahlen 28 stehen für die Buchstaben B und H, für Blood & Honour. Michael Frntic, der ebenfalls in Kirchheim wohnt hat bereits 1998/99 die Kameradschaft „Furchtlos und Treu“ gegründet. Im Januar 2004 wurde bei Hausdurchsuchungen von Mitgliedern in Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg ein ganzes Waffenarsenal beschlagnahmt. Gefunden wurden u.a. 2500 Schuss Munition, 500 g formbare Sprengmasse, fünf Meter Sprengschnur und mehrere Übungshandgranaten. Michael Frntic gilt als gewaltbereit und ist bis heute in neonazistischen Strukturen aktiv.

Schwäbisch Gmünd

Aus Schwäbisch Gmünd kam die rassistische Band „Race War“.  Die Musiker waren eingebunden in die Strukturen von  der Division 28. Ihr Name war nicht nur kriegerisch „Rassenkrieg“, sie propagierten ihn auch in ihren Texten und verherrlichten den Terror, der Combat 18 in England verübt hatte. 2006 wurde die Band als eine kriminelle Vereinigung verboten. Der Sänger der Band, Max Hirsch, stammt aus einem kleinen Ort bei Schwäbisch Gmünd. Seine Freundin  viele Jahre Isabell Pohl. Sie stammt aus Thüringen und zog mit ihrer   unehelichen Tochter nach Obergröningen bei Schwäbisch Gmünd. Nach eigenen Angaben ist sie durch ihren früheren Freund in die Thüringer Naziszene gekommen. In der Zeit als sie bei Schwäbisch Gmünd wohnte gründete sie die Organisation „Aktive Frauen Front“ (AFF). Sie organisierte durch die AFF immer wieder Konzerte mit Nazibands in Süddeutschland. Das Logo der AFF zeigte ein Skingirl mit einem Sturmgewehr. Beate Zschäpe benutze immer wieder das Pseudonym „Lisa Pohl“, also den Name mit dem Isabell Pohl bekannt war.

Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags wurde am 13 September 2012 der ehemalige Mitarbeiter des baden-württembergischen Verfassungsschutzes Günter Stengel angehört. Er sagte aus, dass er sich im August 2003 mit einem Informanten in einer Heilbronner Kirche getroffen habe. Dieser erzählte ihm von einer rechtsradikalen Terrorgruppe mit dem Namen NSU, die auch Kontakte zu Nazis im Heilbronner Raum habe.  Er nannte ihm außerdem fünf Namen von Personen, die zu der Gruppe gehörten. An den Namen Mundlos erinnert er sich, so seine Angaben vor dem Untersuchungsausschuss bis heute. Außerdem sagte ihm der Informant, dass er sie mehrfach, unter andrem in Heilbronn  besucht habe. Auf Anweisung seiner Vorgesetzten musste er seine Aufzeichnungen über das Treffen vernichten, weil eine Gruppe mit dem Namen NSU nicht bekannt sei und der Verfassungsschutz keine Einzelpersonen beobachtet. Der Berliner  Journalist Thomas Moser berichtet in der Wochenzeitung Kontext über den Untersuchungsausschuss. In dem Artikel „Ludwigsburg-Connection“ schreibt er in der Ausgabe 108 über die Sitzung vom 18. April 2013. In dieser Sitzung  versuchten die Mitglieder Ausschuss noch einmal Licht in das dunkle Geflecht aus Baden-Württemberg zu bringen. Als Zeuge wurde an diesem Tag der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes befragt. Helmut Rannacher sagte aus, dass Stengel ein „qualifizierter und erfahrener Beamter“ gewesen sei.  Warum und wer ihm befohlen habe die Notizen zu vernichten könne er nicht sagen, weil das  nicht „unserer Gepflogenheit“ entspricht. Er schränkte dann ein: „Aber ich kann auch nicht sagen: Das gab´s nicht“ zitiert Thomas Moser die Aussage des obersten Verfassungsschützers Baden-Württembergs.

Bei der Sitzung wurde auch Bettina Neumann angehört. Sie 18 Jahre lang. Von 1993 – 2011, Leiterin des Referats „Rechtsextremismus“. Über ihren Schreibtisch sind, so sagte sie aus, alle wichtigen Informationen gegangen. Thomas Moser schreibt über ihre Aussage: „Doch ihr Auftritt vor dem Ausschuss lässt sich anders zusammenfassen: Allgemein weiß sie alles – konkret nicht. Die heutige Oberregierungsrätin, inzwischen beim BfV in Köln, schafft es wiederholt in einem Satz sich wiedersprechende Aussagen unterzubringen. Etwa: „Baden-Württemberg war nie die Hochburg des Rechtsextremismus – aber es war natürlich auch nicht so, dass es keinen gab“ (Kontext 108)

Ziemlich unklar ist die Rolle von einer Informantin mit dem Decknamen „Krokus“. Mitglieder des Untersuchungsausschusses waren durch Akten des Generalbundesanwalts auf „Krokus“ gestoßen.   In den Akten stand, dass eine Informantin des baden-württembergischen Verfassungsschutzes kurz nach dem Mord an Michele Kiesewetter ausgesagt hatte, dass an der Tat Nazis aus Schwäbisch Hall beteiligt gewesen sein sollen. Diese Aussage ist brisant, weil die Gründung des Ku-Klux-Klans von Schwäbisch Hall ausgegangen ist.

Außerdem war in den Akten ein Vermerk, wonach eine Krankenschwester, die den schwerverletzten Polizisten Michael Arnold auf ihrer Station betreute,  NPD-Kreise über seinen Gesundheitszustand  informiert hat. Krokus kam selbst nicht aus der rechten Szene, war aber mit der Friseurin Nelly Rühle befreundet, die in der NPD in Schwäbisch Hall  aktiv war. Nelly Rühle hat bei den Landtagwahlen  2006 und 2011, sowie bei der Bundestagwahl  2009 in Rastatt für die NPD kandidiert.   Bei regelmäßigen Besuchen in dem Friseursalon  hat Nelly Rühle mit immer wieder auch über die rechte Szene in Schwäbisch Hall geplaudert.  Dem Spiegel liegen Akten aus dem Landesamt für Verfassungsschutz vor. In einem auf Spiegel-Online am 13.6.2013 veröffentlichten Artikel „Die Spur des Krokus“ heißt es: „Das Verhältnis zwischen dem Amt und der Quelle entwickelte sich zwischen 2007 und 2011 exzellent. Aus Akten, die dem NSU-Untersuchungsausschuss Ende Mai geschickt wurden und die dem Spiegel vorliegen, geht hervor, das `Krokus´ eifrig und zuverlässig lieferte. `dem Grunde nach handelt es sich bei Informant `Krokus´ um die  `geborene Quelle´. Sie ist zuverlässig, verschwiegen und überaus einsatzwillig´ heißt es in einem vertraulichen Papier.“ Weiter heißt es in dem Artikel von Spiegel-Online: „Gleichwohl scheint die braune Friseurin Nelly R. mehr gewusst haben, als den Behörden lieb sein kann. Denn bereits im Folgesatz des LKA-Schreibens heißt es: `Es trifft jedoch zu, dass die im rechtsradikalen Milieu verkehrende Frau R. über den Gesundheitszustand von (Martin A.) informiert war´.  Wie und von wem, bleibt bis auf weiteres unklar“.

Trotzdem wird im Moment   von Seiten  des baden-württembergischen  Verfassungsschutzes alles versucht um „Krokus“ zu diskreditieren. „Krokus“, die inzwischen aus Angst vor Racheakten aus der Naziszene  zusammen mit ihrem Lebensgefährten irgendwo in Irland lebt, versucht seit einiger Zeit mit Mails und Briefen und Zeitungen und Internetblogs den Desinformationen des Verfassungsschutzes etwas entgegenzuwirken. In ihnen kündigt „Krokus“ bereits jetzt an verschiedene Interviews gegeben zu haben, die nach der Sitzung des Untersuchungsausschusses am 24.6. veröffentlicht werden sollen.

Der Untersuchungsausschuss hatte vom baden-württembergischen Verfassungsschutz Unterlagen über „Krokus“ angefordert. Das Landesamt hat sich mit der Übermittlung der Ordner so lange Zeit gelassen, dass es für die Ausschussmitglieder nicht mehr möglich war die Unterlagen durchzusehen. Um die Berichte aus Baden-Württemberg trotzdem noch auswerten zu können hat der Ausschuss beschlossen die Beweisaufnahme noch einmal aufzunehmen. Am 24. Juni soll nun der Beamte, der Krokus geführt hat, aussagen. Der Verfassungsschützer mit dem Tarnnamen Öttinger wird vor dem Ausschuss viele Fragen beantworten müssen. Schon jetzt sind die spärlichen Informationen brisant.

Für viele Nazis aus dem militanten Spektrum gilt die Region rund um Stuttgart anscheinend als eine Art Wohlfühlzone, weil sie hier weitgehend ungestört ihrem Treiben nachgehen können. Die Umzugsaktivitäten konzentrieren sich auf die Jahre 2000 und 2011. Im Jahr 2000 ist Blood & Honour und die Jugendorganisation White Youth verboten worden. Beobachter aus Sachsen gehen davon aus, dass der Ermittlungsdruck in Sachsen zu hoch geworden ist und die meisten Blood & Honour Kader nach Baden-Württemberg ausgewichen sind.

Am vierten Verhandlungstag gegen Zschäpe, Wohlleben und anderen sagte die Staatsanwaltschaft, dass inzwischen gegen 500 Menschen wegen Unterstützung des NSU ermittelt wird. Wir können gespannt sein wer alles aus Baden-Württemberg dabei ist.

Veröffentlicht in Antifa-Nachrichten Nr.3 / 2013